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Moskau Reisebericht - Gastbeitrag im Reiseblog

Meine Moskauer Momente 

Auf den Spuren der Zarenzeit

Ein Reisebericht über Moskau von Dietmar Kreiß


Moskau, Spasski Erlöserturm Moskau
Spasski Erlöserturm Moskau
Als ich stolz auf unseren ersten Dolmetscher zuging, ihm mit einem fröhlichen Strastweutje die Hand hinhielt, nahm er sie zwar, meinte aber, dass sie eigentlich добрый день sagen. Künftig bediente ich mich also dieser Begrüßung vor rund einem Jahr in der Hauptstadt von Russland. 

Bevor wir im Flieger saßen, merkten wir, dass Mütterchen Russland sehr vorsichtig und aufmerksam ist. Es will ganz genau wissen, wer sie, wie lange und warum besucht. Wir brauchten ein Visum in unserem Reisepass, der noch mindestens sechs Monate gültig sein musste. Formulare ausgefüllt, Brief abgeschickt, mit Gebühren für das Konsulat knapp 60 Euro pro Nase gezahlt, und ein paar Wochen später hatten wir unsere Eintrittskarte. Als wir Moskau nach etlichen Kontrollen auf den Flughäfen in Hamburg und am Zielort erreichten, sendete Väterchen Frost seine letzten Grüße nach einem, wie unsere Reiseleiterin erzählte, langen und harten Winter. 


Mit diesem Abschied begannen meine Moskauer Momente. Unsere, muss es genau genommen heißen. Meine Frau war schließlich mit dabei. 

Türme aus Gold in Moskau
Goldene Türme
Ein Jahr danach können wir sagen, dass Moskau für uns nicht mehr ganz so geheimnisvoll und fremd ist, wie vor unserer Reise. Wir haben die Metropole ein wenig kennen gelernt, sahen Türme aus purem Gold und wandelten auf den Spuren der Zarenzeit.Wir besuchten eine wahrhaft kaiserliche Residenz-Stadt. Baulichkeiten des alten Zarenhofs sind noch erhalten, errichtet zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert, wie das Haus des Bojaren Romanow und die Annen-Kirche aus dem 15.Jahrhundert. Moskau ist ein Ort, an dem sich Moderne und Vergangenheit begegnen, nicht immer, wie wir meinen, in vollkommener Harmonie, aber doch meistens und das in einer sehr beeindruckenden Weise. 

Moskau atmet und lebt eine mehr als 900-jährige Geschichte, die die Russen stolz hegen und mit viel Liebe und enormen Aufwand pflegen. Viele Sprachen sind auf den Plätzen sowie in den Kathedralen und Kirchen, von denen es im Stadtgebiet mehr als 300 gibt, zu hören. Kein Wunder, bei jährlich viereinhalb Millionen Touristen. Die reisen aus allen Himmelsrichtungen an, mit Bus, Bahn, Schiff oder, wie wir, mit dem Flieger. Mit den Objektiven ihrer Handys und Tabletts, Fotoapparaten und Videokameras nehmen sie die Werke berühmter Künstler in den Fokus, Besuchermagneten, die von Glanz und Gloria früherer Zeiten erzählen. 

Etwas gewöhnungsbedürftig scheint uns auf den ersten Blick der Kongresspalast auf dem Kreml-Gelände. Ein sachlich und zugleich festlicher Bau mit viel Glas aus dem Jahre 1961. 6000 Personen passen in den großen Saal. Hierher zieht es Gäste wichtiger öffentlicher Veranstaltungen und Teilnehmer internationaler Kongresse sowie Zuschauer von Schauspielen, Opern- und Ballettaufführungen des Bolschoi-Theaters. Etwa 100 Meter weiter macht wieder die Vergangenheit auf sich aufmerksam. Unweit des Glockenturms Iwan der Große steht eine gewaltige Kanone. Unsere Reiseleiterin erwähnte, dass sie niemals abgefeuert wurde. Wegen ihres Aussehens und vor allem auch wegen dieser Randbemerkung, sprachen wir bei ihrem Anblick von einer schönen und guten Kanone. Sie verbindet einige Parallelen mit der großen Glocke gleich neben ihr, die niemals geläutet haben soll. Den Grund haben wir vergessen. Wir wissen nur noch, dass Kanone und Glocke Aufträge des Zaren waren, die ihre Betrachter bis heute als einzigartige Denkmäler der russischen Gießerkunst des 16. bis 18. Jahrhunderts beeindrucken. Und das inmitten von Mauern, die noch älter sind. Sie vermitteln ihrerseits nämlich bereits seit dem 15. Jahrhundert das Gefühl, in einer mächtigen Befestigungsanlage zu sein. 

Russische Datsche, Datschen Russland
Russische Datsche
Noch krasser ist der Unterschied einige Kilometer weiter. Prunk im Zentrum und so genannte Datschen über Land. Angesichts der mehr oder weniger verfallenen Holzhütten, zweifelten wir doch sehr an Bewohner. Satellitenschüsseln und einige Autos überzeugten und vom Gegenteil. Die Datschen säumen Straßen voller Löcher, Wasser und Schneematsch. Hierzulande hätten sie für einen kollektiven Aufschrei der Entrüstung gesorgt. In Moskau scheint vieles anders. Die Zahl 100 spielt im Herzen Russlands, wie unserer Reiseleiterin erzählte, keine große Rolle. 100 Menschen sind nicht viel, verständlich bei 11,5 Millionen Einwohnern. 100 Gramm Wodka, auch nicht. Diesen zu trinken gehört übrigens in Russland, somit auch in seiner Hauptstadt, zum guten Ton. Das hat seine Ursache. Wir erfuhren, dass Psychologen glauben, dass die kalten Winter dazu führten, dass bei den Russen vor allem Hochprozentiges gefragt sei. Ihr Nationalgetränk ist Wodka. Und zwar 40-prozentiger. Sekt, Wein und Gerstensaft sind natürlich auch zu haben. Das kleine kühle Blonde für 140 Rubel, 180 kostet ein großes Bier. 

Eines Morgens, die Uhr zeigte 7.30 Uhr, wunderten wir uns dann doch ein wenig auf dem Weg zum Frühstück, über einen großen Mann, der mit breiten Schultern im Anzug an der Bar stand, und sich ein großes Paulaner genehmigte. Wir labten uns am Büfett. Das trug mit dazu bei, dass unser Hotel uns angenehm überraschte. Essen gut und reichlich,von deftig bis süß, je nach Geschmack und Appetit, Kaffeevollautomaten lieferten die unterschiedlichen koffeinhaltigen Spezialitäten auf Knopfdruck, aufmerksames und freundliches Servicepersonal, ein ansprechendes Ambiente sowie saubere, modern ausgestattete Zimmer. Wir fuhren in einem der acht Fahrstühle bis zur 19. Etage und genossen eine wirklich schöne Aussicht. Allein schon dafür gaben wir dem Haus mit vier Sternen noch einen zusätzlichen Punkt. Am Abend erregten junge Frauen die Aufmerksamkeit so mancher Barbesucher. Ja, ich gestehe, dass auch ich verstohlen ab und an kurz zu ihnen hinschaute und dabei einmal mehr fand, dass es sehr hübsche Moskauerinnen gibt, die sich vielleicht ein bisschen zu viel schminken, dafür aber zu wenig Geld für Sachen haben. Ihre Kleider zeigten beinahe mehr, als sie verdeckten. Ich habe übrigens keine der zwölf Damen, die fröhlich in der Couchecke miteinander plapperten oder im Foyer flanierten gefragt, wie weit möglicherweise die Deutsch-Russische Freundschaft für welchen Obolus gehen würde. Da war einerseits ihr vierschrötiger Begleiter, andererseits liebe ich meine Frau. Gemeinsam probierten wir am nächsten Tag in einem gut besuchten Imbiss, den wir beim Stadtrundgang im Untergeschoss eines Supermarktes entdeckten, eines der berühmtesten Gerichte, Borschtsch. Das ist eine ukrainische Suppe aus roter Bete. 

Immer wieder irritierten uns die vielen schmutzigen Fahrzeuge auf den Straßen. Drei Millionen sollen täglich auf ihnen unterwegs sein. Unsere Reiseleiterin bestätigte die überfälligen Wäschen, erklärte aber, dass diese für viele Russen ein zu kostspieliger Luxus seien, den sie sich nur selten gönnen. An manchen Momenten gibt es auf den vollgestopften bis zu acht Spuren breiten Hauptstraßen für drei identisch aussehende Limousinen freie Fahrt. In einem der Wagen sitzt dann immer Wladimir Putin, den Polizisten von oder zur Arbeit eskortieren, erklärte unsere sympathische Stadtführerin und fügte hinzu, dass nur der Präsident selber auswählen würde, in welches Auto er steigt. Wer dem lebhaften Trubel mit seiner zähfließenden Blechkarawane entfliehen möchte und dennoch unterwegs sein will, geht unter die Erdoberfläche. Bis zu neun Millionen Menschen bewältigen am Tag mit Hilfe der Rolltreppen mühelos einen um die 100 Meter tiefen Höhenunterschied. Auf die Züge warten die Passagiere zwischen 90 Sekunden und maximal drei Minuten. 1932, so berichtete unsere Reiseleiterin, begann in Moskau der Bau der Metro. Heute ist ein Netz von mehr als 300 Kilometern mit zwölf Linien und 190 Stationen in Betrieb. Eine Fahrkarte kostet 28 Rubel. Also könnte man für nicht einmal einen Euro den ganzen Tag über Metro fahren. Bronzestatuen und Marmor zieren einige der Bahnhöfe mit prunkvollen Blickfängen. Wir sahen auch Lenin im Untergrund auf Mosaik. 

Kreml Moskau, Zwiebeltürme Moskau
Kreml Moskau - Zwiebeltürme
Später wandelten wir zum zweiten Mal an einem Tag über den Roten Platz. Innerhalb von zehn Stunden hatte sich dieser mit dem Kreml, beide stehen übrigens seit 1990 auf der UNESCO-Liste des Weltkulturerbes, vollkommen verwandelt. Künstliches Licht verleiht diesen Zeugnissen der Baukunst aus Vergangenheit einen romantischen und festlichen Schein. Wir fühlten uns ein bisschen versetzt, hinein in die Kulisse eines russischen Märchens. Als ein Schwarm Vögel über das Ensemble flog, fiel uns auf, dass wir hier nirgendwo Hinterlassenschaften von Tauben sahen. Dieses Problem habe der Zar gelöst, klärte uns unsere Stadtführerin auf. Der wies an, zehn Falken hier anzusiedeln. Die Tauben waren verschwunden. Dass sie es bis heute sind, mag vielleicht daran liegen, dass dieser Erlass des Zaren noch immer gilt. So bleiben auch das Lenin-Mausoleum und die Gräber dahinter an der Kreml-Mauer, die wie auch die 19 erhaltenen Türme bis zum 19. Jahrhundert noch einen weißen Anstrich hatten, um sich erst dann in Rot hüllen zu lassen, von diesem Dreck verschont.
Lenin Mausoleum an der Kremlmauer Moskau, Kreml Mauer Moskau
Lenin Mausoleum an der Kremlmauer Moskau
Lenin, den Gründer der Sowjetunion, konnten wir nicht besuchen, das Mausoleum war wegen Renovierungsarbeiten für einen anstehenden Feiertag geschlossen.Verwundert erfuhren wir, dass Boris Jelzin nicht hinter Lenin bestattet wurde. Seine Frau Naina wollte ihren Mann nicht in einer Reihe mit den früheren Staats- und Parteichefs und bedeutenden Militärs der SU wissen. Das scheint für uns sogar nachvollziehbar, jetzt, wo die Sowjetunion nicht mehr existiert. Der gewaltige Grabstein des ersten russischen Präsidenten ist auf dem Ehrenfriedhof auf der anderen Seite der Kreml-Mauer nicht zu übersehen, auch nicht die frischen Blumen. Hier gedenken die Russen ihrer verdienten Persönlichkeiten, Politiker, Künstler, Ärzte, Flieger, Schriftsteller und Wissenschaftler. Mehr als 27000 Tote sind auf dem Nowodewitschi-Friedhof begraben. Auf Deutsch heißt dieser Platz Neujungenfrauenfriedhof. Er entstand 1524 auf Veranlassung des Zaren Wassili III. und entwickelte sich im Laufe der Zeit zu einer Begräbnisstätte der Oberschicht, hauptsächlich der kirchlichen, so lange, bis die Sowjets ihn zum reinen Ehrenfriedhof machten. 


Was unsere Zaren betrifft: Das Gros der russischen Kaiser fand seit dem 18. Jahrhundert ihre letzte Ruhestätte nicht in diesem Gottes Acker, sondern in der Peter und Paul Kathedrale. Um diese besichtigen zu können, führte uns unsere Städtereise in eine zweite Residenz-Metropole der Zaren, nach St. Petersburg mit einem Zwischenstopp in Nowgorod. Wir unternahmen einen Ausflug zur Blutskirche, wo Verehrer des Zaren Peter der III, den seine Frau Katharina vom Thron stürzte, täglich genau an jener Stelle frische Blumen hinlegen, an der ein Attentat auf ihn verübt wurde. Er erlag seinen Verletzungen. Wir besichtigen die Peter und Paul Festung, die Ermitage und den Katharinen-Palast mit dem weltberühmten Bernsteinzimmer. Doch das ist schon wieder eine ganz andere Geschichte. 

Mein Dank geht an Dietmar. Dafür, dass er mir diesen Reisebericht zu seinen Moskauer Momenten als Gastbeitrag zur Verfügung gestellt hat. Die Eindrücke sind sehr schön geschildert und eine Bereicherung für diesen Reiseblog.





"Jeder muß wissen, worauf er bei einer Reise zu sehen hat und was seine Sache ist."
(Zitat: Johann Wolfgang von Goethe)
 
Beste Grüße
Nick



Kategorie: Gastbeitrag

Kommentare:

  1. Hallo Nick,

    sehr interessanter Bericht! Moskau steht definitiv recht weit oben auf meiner Must-See-Liste!
    (Besuchszeit sollte in der kalten Jahreszeit sein :-))

    Zum Thema Alkohol: Ja, das ist wirklich ein trauriges Phänomen. Ich denke die Gründe dafür liegen zwischen Hoffnungslosigkeit und Kälte...


    Viele Grüße

    Markus

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    1. Hallo Markus, Danke für Deinen Kommentar. Ich finde den Reisebericht über Moskau auch sehr gut, daher habe ich Dietmar auch gebeten, ihn hier veröffentlichen zu dürfen. Dir wünsche ich eine schöne Reise, sollte es Dich zukünftig nach Moskau führen ...

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